Wasserburg Rindern - Katholisches Bildungszentrum 
Wasserburg Rindern - Katholisches Bildungszentrum
Montag, 6. September 2010
 

Die Wasserburg lädt alle, die am Schreiben eigener Texte Freude haben und diese Texte auch veröffentlichen wollen, zu einer Schreibwerkstatt ein. Aus den literarischen Arbeiten der AutorInnen wird monatlich ein Text ausgewählt und auf der home-page der Wasserburg veröffentlicht.

Die Autorin unseres Monatstextes Juni 2010 heißt Sabine Gründken, *1966. Sie lebt in Nottuln-Appelhülsen und arbeitet als Krankenschwester in Münster. Sie hat ihre Texte in verschiedenen Anthologien veröffentlicht

Sabine Gründken: Schattenspringer

Nur ein einziges Mal sprang ich über meinen Schatten. Doch der warf mich gleich wieder zurück.

Heute klingt das Fahren der Züge ziellos in meinen Ohren. Schuld daran war die Schwarze. Ihre dicken, breiten Lippen lächelten mich an. Die dunklen, tiefen Augen zogen mich mit. Ganz weit fort aus diesem Land.

Meine Mutter wartete mit dem Abendessen. Ich roch den Gulasch schon und sah die gebügelte Wäsche auf meinem Bett liegen. Statt mich loszulassen, fesselte sie mich durch ihre vorgetäuschten Herzattacken.

Die Schwarze begann zu singen. Leise in spanisch. Verlegen schaute ich sie an. Das bunte, weite Kleid über ihren molligen Körper. Sie spielte mit ihrem Halstuch und bewegte ihren Oberkörper im Rhythmus des Liedes.

Auf einmal hatte ich das Bedürfnis ihr meine Hand zu reichen, mich mitnehmen zu lassen in das Land der strahlenden Sonne. Ich fühlte meine Brieftasche in meiner Anzugjacke. Ausweis und Scheckkarte hatte ich dabei. Ich könnte bis zur Endstation fahren. Dort gab es einen Flughafen. Mein Herz klopfte. Ich war noch nie geflogen, wusste nicht, wie es über den Wolken aussah.

Der Zug hielt an meinem Heimatbahnhof. Auf dem weißen Schild las ich den vertrauten Stadtnamen.

Mein Herz klopfte lauter, schneller. Ich rieb mir die feuchten Hände an der Anzugjacke trocken. Unsicher zog ich meinen Schlips zurecht. Rutschte unruhig im Sitz hin und her. Noch war es Zeit auszusteigen. Entschlossen griff ich nach meiner Aktentasche und stand auf. Vorsichtig legte ich sie ins Gepäcknetz. Dann zog ich mein Jackett aus und hing es an den Harken. Den Schlips band ich ab und steckte ihn in meine Tasche. Der Zug begann zu rollen. Ich knöpfte mein Hemd auf und atmete gleichmäßig durch. Ich hatte es geschafft. Die Schwarze sang noch. Lächelnd summte ich einfach mit. Die besprühten Häuser und überfüllten Straßen rauschten an mir vorüber. Ich dachte an den verkochten Gulasch, die gebügelte Wäsche, die jetzt auf meinem Bett hüpfte, meine Mutter, die ständig meckerte, wenn ich zu spät kam, und meine Arbeitskollegen, die mich mit schrulligen Jungfrauen verkuppeln wollten. Ich freute mich auf mein neues Leben.

Plötzlich gab es einen heftigen Ruck. Krampfhaft hielt ich mich an meinem Sitz fest, presste mich gegen die Rückenlehne. Die Schwarze fiel nach vorne, direkt auf meine Knie. Verwirrt schauten wir uns an. Der Zug stand still, mitten in der herbstlichen Landschaft. Ich half der Schwarzen zurück in den Sitz. Wir sprachen kein Wort. Auf dem Gang drängelten sich die Fahrgäste. Neugierig lehnten sie sich aus den Fenstern. „Wie furchtbar! Der arme Lokführer! Schrecklich!“, nahm ich aus ihrem Geschwätz war.

In meiner Anzugjacke klingelte mein Handy. Ich nahm es aus der Jacke, sah wie die Glöckchen auf dem Display hin und her tanzten und las: „Anruf von Mutti!“

 

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letzte Änderung: 12.08.2010 15:30 Uhr  
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